Stillaktion Europagalerie Saarbrücken
Stillen in der Öffentlichkeit: Warum Solidarität unter Frauen heute wichtiger ist denn je
Vor wenigen Tagen sorgte ein Vorfall in der Europagalerie Saarbrücken für Schlagzeilen: Eine Mutter wurde beim Stillen ihres Babys aufgefordert, den Ort zu verlassen. Die Empörung darüber war groß. Die Europagalerie reagierte, entschuldigte sich öffentlich und kündigte an, ihre Mitarbeitenden entsprechend nachzuschulen.
Doch je mehr man die anschließenden Diskussionen verfolgte, desto klarer wurde: Das eigentliche Problem war nie ein einzelner Mitarbeiter.
Das eigentliche Problem sind die Einstellungen, die hinter vielen Kommentaren sichtbar wurden.
Warum öffentliches Stillen überhaupt noch ein Thema ist
Eigentlich ist die Sache ganz einfach: Babys haben Hunger. Mütter stillen. Ende der Geschichte.
Und trotzdem wird öffentliches Stillen bis heute diskutiert, bewertet und kommentiert.
Noch immer hören Mütter Sätze wie:
- „Still doch zuhause.“
- „Man kann sich doch bedecken.“
- „Das muss nicht jeder sehen.“
- „Früher hat man das diskreter gemacht.“
Doch warum eigentlich?
Niemand würde von einem Erwachsenen verlangen, zum Essen auf die Toilette zu gehen. Niemand würde verlangen, dass jemand seine Wasserflasche versteckt, weil andere sich daran stören könnten.
Warum also gelten für Babys und ihre Mütter andere Regeln?
Das Problem ist nicht das Stillen
Viele Menschen glauben, sie hätten ein Problem mit dem Stillen. In Wahrheit haben sie häufig ein Problem mit ihrer Wahrnehmung von weiblichen Körpern.
Brüste werden in unserer Gesellschaft permanent sexualisiert. In Werbung. In Filmen. In sozialen Medien.
Wenn dieselbe Brust jedoch ein Baby ernährt, empfinden manche Menschen plötzlich Scham, Unbehagen oder sogar Ekel. Dabei passiert in diesem Moment nichts anderes als das, wofür Brüste biologisch vorgesehen sind:Ein Kind wird ernährt.
Die Sexualisierung weiblicher Körper ist nicht das Problem stillender Mütter. Sie ist das Problem der Gesellschaft.
Was mich besonders wütend gemacht hat
Nicht die Kommentare von Männern. Sondern die Kommentare von Frauen. Von Müttern. Von Großmüttern. Von Frauen, die selbst einmal nachts mit einem hungrigen Baby wach waren. Von Frauen, die wissen, wie oft Kinder Trost, Nähe oder Nahrung brauchen.
Gerade deshalb schmerzt es, wenn Frauen andere Frauen auffordern, sich zu verstecken.
Denn jede Mutter kennt die Unsicherheit.
Jede Mutter kennt die Momente, in denen sie sich fragt, ob sie alles richtig macht.
Das Letzte, was Mütter brauchen, ist die Verurteilung durch andere Frauen.
Die Kraft der Solidarität
Genau deshalb war die Stillaktion in Saarbrücken so wichtig.
Nicht, weil die Frauen gegen jemanden protestieren wollten.
Sondern weil sie füreinander sichtbar werden wollten.
Für die Mutter, die sich nach einem solchen Vorfall vielleicht nicht mehr traut, in der Öffentlichkeit zu stillen.
Für die Frau, die gerade ihr erstes Kind bekommen hat und ohnehin mit Selbstzweifeln kämpft.
Für die Mutter, die sich fragt, ob sie sich schämen muss.
Die Antwort lautet: Nein.
Mütter müssen sich nicht schämen. Nicht für ihren Körper. Nicht für ihre Brust.
Und schon gar nicht dafür, ihr Kind zu ernähren.
Was ich an diesem Tag gesehen habe
Ich habe keine Frauen gesehen, die Aufmerksamkeit wollten. Ich habe keine Frauen gesehen, die provozieren wollten. Ich habe Mütter gesehen.
Mütter mit Babys auf dem Arm.
Mütter, die füreinander eingestanden sind.
Mütter, die gesagt haben:
„Du bist nicht allein.“
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft.
Nicht jede Frau wird dieselben Entscheidungen treffen. Nicht jede Frau stillt. Nicht jede Frau möchte in der Öffentlichkeit stillen.
Und das ist vollkommen in Ordnung.
Aber wir sollten uns gegenseitig die Freiheit zugestehen, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen – ohne Scham, ohne Verurteilung und ohne Angst.
Mehr Solidarität. Weniger Urteile.
Mutterschaft ist herausfordernd genug.
Wir brauchen keine weiteren Stimmen, die Frauen erklären, wie sie zu stillen, zu gebären oder Mutter zu sein haben.
Wir brauchen mehr Verständnis. Mehr Respekt. Mehr Solidarität.
Denn am Ende geht es nicht um Brüste. Es geht nicht um Politik. Es geht nicht um Aufmerksamkeit.
Es geht um Mütter.
Und um Babys, die einfach nur Hunger haben.






























